Gießen – Universitätsstadt und ehemaliger Militärstandort

Auf den Weg in den Süden nach Offenbach am Main und Hanau habe ich mich im gemütlichen Gießen aufgehalten. Ich habe zwei halbe Tage eingeplant. Die Außenziele habe ich auf dem Hinweg besucht und die zentralen Sehenswürdigkeit drei Tage später auf dem Rückweg in die Heimat.

Gießen ist eine Stadt mit hochrangingen Universitätseinrichtungen und hat – mit Marburg zusammen – einer der höchsten Studentendichte Europas. Außerdem gehört die Universität in Gießen zu den ältesten in Deutschland.

Auch das Militär war in den letzten fast 200 Jahren ein fester Bestandteil der Stadt neben Regimentern aus Fürstenzeiten war auch die Wehrmacht und die US Army hier stationiert.

Das Wetter im Februar ist während meines Aufenthalts etwas unbeständig gewesen, was meinen Besuch etwas getrübt hat. Ich musste wegen des Regens etwas flotter die Ziele abarbeiten. Für den Augenblick ist das natürlich ein wenig unglücklich gewesen, aber da ich in Zukunft noch öfter im Rahmen meines Projektes in den Süden düsen werden, komme ich im Prinzip fast immer an Gießen vorbei, so daß ich hier definitiv bei Sonnenschein ein Päuschen einlegen werde!

Sehenswerte Bauwerke

Besonders auffällig sind die im Stadtgebiet verteilten Hochbunker der Bauart Winkel aus dem zweiten Weltkrieg. In Gießen stehen bundesweit die meisten dieser Art. Sie sehen ein wenig aus wie dicke Zigarren und stehen in Gießen hauptsächlich auf ehemaligen Kasernengeländer, wie zum Beispiel den Pendleton Barracks. Ihre Form sollte wenig Angriffsfläche für Bomben bieten und somit besonders schützen.

Am Rande bzw. außerhalb der Stadt Gießen bin ich durch hübsche kleine Ortschaften gefahren. Dort konnte ich auch einige Burgen entdecken, teilweise besichtigen und natürlich fotografieren. Schade, dass mir das Wetter wenig Freiraum ließ, sonst hätte ich noch einige Fotos mehr machen können. Die Burg Gleiberg ist eine Gipfelburg auf einem Hügel im gleichnamigen Ort und ist heute eine Ruine. Sie wurde um 900 n.Chr. erbaut. Heute gibt es dort ein Restaurant und es ist auch ein beliebtes Ausflugsziel.

Die Burg Vetzberg ist nicht weit entfernt; im Ort nebenan und befindet sich ebenfalls auf einem Hügel. Diese Burg ist wenige Jahrhunderte jünger und mittlerweile mit seinem Bergfried ein beliebter Aussichtspunkt.

Ich bin dann weiter stadteinwärts gefahren und habe noch kurz am Bismarckturm gehalten. Immernoch fasziniert mich, dass so viele Städte einen Bismarckturm haben, was irgendwie wohl auch selbstverständlich scheint! Jahrzehnte lang lebte ich in Hannover ohne zu wissen, dass es solche Türme gibt. Ich bin nicht unbelesen und insbesondere Geschichte ist ein Steckenpferd von mir, aber da Hannover seit dem Krieg keinen Bismarckturm besitzt und ich früher nicht so oft in anderen Städten gewesen bin, habe ich nie von der Existenz solcher Türme erfahren! Dieser Bismarckturm wurde 1906 erbaut und befindet sich auf der Hardt-Höhe.

Südöstlich von Gießen befindet sich das sehr gut erhaltene Kloster Schiffenberg. Im 7 Jahrhundert stand hier eine Burg bevor das Bauwerk im 12. Jahrhundert in ein Kloster umgewandelt wurde. Mittlerweile befindet sich dort unter anderem ein Restaurant, welches gut geeignet ist für größere Festivitäten.

Am südlichesten Rand des Landkreises befindet sich das Kleinkastell Holzheimer Unterwald. Zu Zeiten des Römischen Reiches verlief hier in der Nähe der Limes. Die Grundmauern des Kastells sind gut erhalten und sichtbar.

Auch auf dem Stadtgebiet gibt es natürlich historische Bauten und Zeugnisse vergangener Tage wie auch der Gegenwart. Von der Gießener Stadtmauer konnte ich nicht viele Reste sehen, aber immerhin gibt es noch erhaltene Reste der Walltorbastion nahes des Arbeitsamtes.

Die Georgenschanze ist ebenfalls ein alter Teil der Stadtmauer, auch wenn das auf dem ersten Blick nicht so aussieht.

Zentral am Kirchplatz befinden sich mehrere Sehenswürdigkeiten. Das Leib’sche Haus ist ein alter Fachwerkbau aus dem 13. Jahrhundert. Das Gebäude ist mittlerweile restauriert und beherbergt das Oberhessische Museum für Stadtgeschichte und Volkskunde.

Direkt daneben befindet sich das Wallenfels’sche Haus. Dort befindet sich eine bedeutende Antikensammlung der Justus-Liebig-Universität und eine außergewöhnliche Sammlung an tibetanischen Ausstellungsstücken wie zum Beispiel Buddhafiguren.

Ganz einsam ohne Kirchenschiff steht der Stadtkirchenturm am Kirchenplatz. Der Kirchturm ist ein Wahrzeichen der Stadt und ein beliebter Aussichtsturm mit schönem Blick über die Stadt. Außerdem befindet sich dort eine kleine Kapelle. Das Kirchenschiff ist leider im Krieg zerstört worden.

Nur wenige Meter weiter steht das Geburtshaus Wilhelm Liebknechts! Er war zusammen mit August Bebel Gründer der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei und Vorkämpfer der Arbeiterbewegung.

Ein weiterer Hotspot an Sehenswürdigkeiten befindet sich am Brandplatz. Das Alte Schloß war ein Wohnsitz vom Landgrafen von Hessen Heinrich II und ist mittlerweile ein Standort des Oberhessischen Museums.

Der Brandplatz ist immer schon auch ein Marktplatz gewesen. Das kann man ganz besonders an den Marktlauben erkennen, welche nach einen Großbrand (daher Brandplatz) gebaut wurden Die Zünfte konnten in den einzelnen Lauben ihre jeweiligen Erzeugnisse verkaufen. Auch wegen des Großbrandes beschloß man ein Spritzenhaus zu bauen (damalige Feuerwehr), welches heute ein an einer kleinen Turmspitze zu erkennen ist und nicht mehr die frühere Funktion inne hat.

Prägend im Stadtbild ist die Johanneskirche. Sie hat den höchsten Kirchturm der Stadt und ist hessisches Kulturdenkmal.

Nicht weit entfernt befindet sich ein außergewöhnlicher, moderner Fußgängerüberweg, welcher im Volksmund Elefantenklo genannt wird…

Der Gießener Hauptbahnhof wurde in rotem Sandstein gebaut und ist einer der seltenen Keilbahnhöfe. Links und rechts des Gebäudes verlaufen Schienen und kommen an der südwestlichen Spitze zusammen. Ein schönes Gebäude!

Das altehrwürdige Gasthaus zum Löwen befindet sich in der Innenstadt in einem der ältesten Fachwerkhäuser der Stadt. Hier hat wohl schon Goethe gespeist und getrunken.

Kultur und Bildung

Justus von Liebig war schon mit 21 ein junger Professor in Gießen an der Ludwiguniversität und war mit seinen Lehrmethoden und seinen Entdeckungen ein sehr beliebter Professor in der Chemie und Pharmazie. Er war einer der Entdecker des Chloroforms. Nach dem Krieg wurde die Universität auf seinen Namen umbenannt. Hier wurde der Gießen-Test entwickelt, womit man sowohl das Selbst- und Idealbild der eigenen Person als auch das Fremdbild anderer Personen erfassen kann. Der Test wird unter Anderem in der Psychotherapieforschung eingesetzt.

Zur Justus-Liebig-Universität gehört auch das Neue Schloß am Brandplatz, welches vom Landgraf Philipp dem Großmütigen erbaut wurde. Es gehört zu den bedeutendsten Fachwerkbauten Hessens und wurde im Krieg nicht beschädigt. Direkt daneben befindet sich das Zeughaus und der Botanische Garten der Universität – einer der ältesten botanischen Gärten Deutschlands.

Dem Justus Liebig wurde das Liebig Museum gewidmet – eines der wichtigsten Chemiemuseen weltweit! Dort wird gezeigt, wie die Anfänge der Chemie waren und wie Chemiker seinerzeit arbeiteten.

Direkt daneben steht das Mathematikum. Es ist das erste Mathematikmuseum der Welt und ein Experementiermuseum.

Auch Wilhelm Conrad Röntgen war Professor in Gießen. Im zu Ehren wurde ein Denkmal gesetzt für seine größte Entdeckung, welche nach ihm benannt wurde.

Dreht man sich an dieser Stelle um 180 °, sieht man das Stadttheater Gießen, welches fast baugleich mit den Theatern in Klagenfurt und Gablonz aussieht – es wurde vom gleichen Architekten erbaut. Es ist ein Mehrspartentheater, in dem viele Veranstaltungen statt finden.

Nicht weit von hier entfernt befindet sich das Dachcafé Gießen. Es ist das höchstgelegene Restaurant der Stadt von dem man einen ausgezeichneten Ausblick genießen soll. Bei den Wetterverhältnissen während meines Besuches habe ich mir den Ausblick allerdings geschenkt und werde ihn nachholen.

Eines der kuriosesten Spezialmuseen überhaupt ist das Gießkannenmuseum in Gießen – der gleiche Wortstamm ist dabei doch sehr auffällig! Es ist erst wenige Jahre alt und wurde im Zuge der Landesgartenschau gegründet.

Ganz in der Nähe befindet sich die Touristinfo, wo ich vor einem Regenschauer Schutz gefunden habe und mit der überaus freundlichen Dame am Schalter ein tolles Gespräch über Gießen geführt habe. Die Ergebnisse habe ich in meine fünf ausgeklügelten Fragen einfließen lassen:

  • Erzähle / Erzählen Sie mir das Erste, was Dir / Ihnen über deine / Ihre Stadt einfällt. Die Landesgartenschau 2014 war ein ganz tolles Ereignis und hat der Stadt sehr sehr gut getan. Mit Gießen verbinde ich auch meine Schul- und Unizeit. Sie war eine der schönsten Zeiten in meinem Leben.
  • Was ist Dein / Ihr Lieblingsort und warum? Ich mag die Lahn – der Fluss fließt durch Gießen – und die schöne Natur drumherum. Außerdem gehe ich gerne in unsere Museen und ins Theater. Gießen hat viel zu bieten!
  • Was sollte man als Tourist unbedingt gesehen haben? Na die Touristinfo natürlich! Hier kann man sich über alles informieren! Sehr lohnenswert ist das Mathematikum und das Lahnfenster, wo man in dem, teils im Fluß unter der Wasseroberfläche gebauten, Gewässer-Informationszentrum zum Beispiel den Fischaufstieg beobachten kann.
  • Was ist typisch für Deine / Ihre Stadt? !..Gießen hat die höchste Studentendichte gemessen an der Einwohnerzahl in ganz Deutschland und zusammen mit Marburg sogar in ganz Europa.
  • Was wünscht Du Dir / wünschen Sie sich für Deine / Ihre Stadt? Gießen hat seit der Landesgartenschau viel Aufmerksamkeit erhalten und ich hoffe, dass das so weiter geht.

Auf das Lahnfenster bin ich erst im Interview aufmerksam geworden. Zu dieser Jahreszeit (ich war im Februar in Gießen) war es natürlich geschlossen.

Direkt gegenüber auf der anderen Lahnseite befindet sich der Regattaverein Gießen e.V. Der Verein betreibt die größte deutsche Ruderregatta – die Gießer Pfingstregatta.

Sehr bekannt im Sport ist der MTV Gießen von 1846. Er gehört zu den ältesten noch existierenden Sportvereinen Deutschlands und brachte eine der erfolgreichsten Basketballmannschaft mit etlichen Meister- und Pokalsiegen hervor.

1787 wurde die älteste deutsche Tanzschule gegründet. Sie wird in 6. Generation geführt und heißt Tanzschule Axel Bäulke.

Typisch Gießen ist die manische Sprache, welche in manchen Stadtteilen – vornehmlich arbeitergeprägt – noch teilweise gesprochen wird. Es wird als eine Art geheimsprachlicher Soziolekt bezeichnet, in dem sich Teile aus dem Romani, dem Deutschen und dem Jiddischen (und einige Sprachen mehr) mit der Zeit irgendwie vermischten. Heute wird es in Gießen noch in den Stadtteilen/Quartieren Gummiinsel, Margarethenhütte und Eulenkopf gesprochen. Ein Foto konnte ich nicht machen.

Mitten in Gießen steht die Schlammbeiser Statue. Das Denkmal zeigt einen Menschen, welcher früher – bevor es Kanalisationen gab – die Fäkalien der Einwohner einsammelte und entsorgte. Alteingesessene Gießener „dürfen“ diesen Ortsnecknamen ebenfalls führen.

Ende der 1970er Jahre war Gießen gut 1 1/2 Jahre in einem größeren Städteverbund integriert und hieß damals zusammen mit Wetzlar und dem Dillkreis Stadt Lahn. Diese Gemeinde hatte rund 160.000 € Einwohner. Der Widerstand der Einwohner und keine klare zentrale Funktionseinrichtungen brachten diesen Zusammenschluss allerdings zum scheitern.

Nordwestlich von Gießen befindet sich der schöne Gail’sche Park. Die Gartenanlage im Stil eines englischen Landschaftsgartens wurde vom Gießer Unternehmer Gail in Auftrag gegeben.

Im Bereich Kulinarisches habe ich vergeblich nach dem Lohkuchen gesucht. Im Internet konnte ich leider nicht herausfinden, ob und wo es ihn zu kaufen gibt. Ich vermute mal, dass der Lohkuchen eine saisonale Spezialität ist.

Gießener Unternehmen

Die eben genannte Unternehmerfamilie Gail war groß im Geschäft mit Tabak, Zigaretten und Zigarren und gehörte in seiner Hochzeit zu den führenden Herstellern. Die Gail’sche Zigarettenfabrik ist immernoch vorhanden. In ihr befindet sich mittlerweile das Gießener Polizeipräsidium. In unmittelbarer Nähe befindet sich Gail’sche Dampfziegelei & Tonfabrik. Das Gebäude ist eine der letzten Industriebrachen der Stadt.

Pascoe Naturmedizin gehört zu den traditionsreichsten Unternehmen Deutschlands in der Branche Naturheilkunde und Homöopathie.

Das japanische Unternehmen Canon betreibt ein Drucker- und Kopierwerk in Gießen. Es ist zudem das erste Werk Canons innerhalb von Europa.

Lakewood Guitars ist ein renomierter Hersteller hochwertiger, akustischer Gitarren aus Gießen.

So mein liebes Gießen,

zwei schöne halbe Tage habe ich bei dir verbracht und du kannst dir sicher sein, dass ich noch mal vorbei schauen werde! Zum Glück liegst du auf dem Weg nach Süden sehr günstig, denn ich muss noch einige Städte im Süden besuchen und komme im Grunde genommen fast immer bei dir vorbei! Die Wetterkapriolen haben leider nicht zugelassen, dass ich entspannter durch die Straßen deiner Stadt flaniere, aber dennoch konnte ich erkennen, was für ein fröhlicher und freundlicher Ort du bist.

Ich freue mich auf ein Wiedersehen!

Bis bald!

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